Mit 55+ im August nach Hermannswerder

Also, da bin ich doch ein wenig stolz auf uns. Der 5. August 2026, Ort Potsdam Hbf., Zeit 10:55 Uhr und von den angekündigten 26 Wanderern waren immerhin 13 gekommen. Der Rest? Vermutlich abtrünnig und in Halberstadt gelandet. Denn da galt es an diesem Tag, dem 17. Klangwechsel der John-Cage-Orgel in der Burchardi-Kirche die Aufmerksamkeit zu schenken. Aber das Orgelstück läuft noch gut 600 Jahre, also Klangwechsel wird es noch reichlich geben. Einmalig dagegen sind Läufe mit 55+, und die dauern auch nicht so lange. 11 Uhr: Da standen wir also, und mancher sagte: „Ich kann nicht anders.“ Nun denn: eine reichliche Spende in der WC-Anlage des Bahnhofs hinterlassen und los ging’s auf den kurzen Marsch, oh, ich wollte sagen Spaziergang, Richtung Hermannswerder. 2,5 km, übrigens der Weg geeignet für Rollator und Rollstuhl, das ist bei 28 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit – so man gesund ist – noch erträglich.

Am Anfang führt allerdings ein langer Gang durch die wuselige Ladenpassage des Bahnhofs, und dann steht man draußen, vor der Langen Brücke. Da wollen wir aber nicht hinüber, sondern drunter durch, also den kurzen Weg runter zur Havel. Und schon sind wir in einer anderen Welt. Nun ja, noch nicht ganz. Denn unser Weg führt uns dicht an der Havel entlang durch neu errichtete und ansprechend gestaltete Wohnblöcke. Dazu alte, fein rausgeputzte Gebäude, deren ursprünglichen Zweck die Straßennamen verraten: an der Kornmühle, am Speicher, am Magazin. Ein mit Turm und Zinnen gestaltetes Gebäude erinnert an das heutige Finanzamt am Mehringdamm in Kreuzberg, die ehemalige Garde-Dragoner-Kaserne. Es spiegelt sich, architektonisch gesehen, auf der anderen Havelseite, in einem ebenso konzipierten, noch größeren Bauwerk wider, von hier aus allerdings nicht sichtbar.

Dann aber, nach einem guten Kilometer, war die andere Welt erreicht. Dort, wo unsere kleinen gefiederten Freunde jede Wandererschar ob ihrer Lautstärke normalerweise mit Empörung empfangen und der Graureiher das Ganze gelassen von seiner wasserumschlossenen Warte aus betrachtet hätte. Allein, Hitze und Schwüle hatten die Vogelwelt verschwinden und verstummen lassen und nur der gelegentliche Klang einer Fahrradklingel unterbrach die ansonsten ursprünglich herrschende Stille. Nun, da die Geselligkeit – gepaart mit der Sammlung neuer Eindrücke – bei unseren Ausflügen im Mittelpunkt steht, ist Schwatzen durchaus erwünscht. Sofern die Wanderleitung nicht eine wichtige Ansage zu machen hat. Da das gerade nicht der Fall ist, kann ich mich einem Phänomen widmen, das nicht neu, auf dieser Strecke aber besonders ausgeprägt ist. Optisch unterscheiden sich Hin- und Rückweg gewaltig. Richtung Hermannswerder haben wir Wasser und Natur vor Augen. In der anderen Richtung dagegen immer wieder neue Perspektiven auf Potsdam, über das Wasser betrachtet. So, nun zurück auf den schattigen Wanderweg. Dann noch eine kleine Brücke überquert und für die Uneingeweihten – ganz überraschend- lag unser Ziel zum Greifen nah, das Insellokal. Draußen für uns gedeckt, puh, viel zu heiß und sonnig. Also rein ins Lokal, Tische zusammengeschoben und die Getränke bestellt. Danke nochmals, Ilona! Mit dem Essen dauerte es etwas länger, da war noch eine andere Gruppe vor uns erschienen. Aber das sehen wir wie üblich ganz locker. Insbesondere wenn alle anschließend begeistert von den Speisen waren, die da ganz frisch zubereitet auf die Tische kamen.

Und dann hieß es, zur Rückkehr aufzubrechen. Alexander der Große hätte an dieser Stelle bestimmt nicht Halt gemacht. Seine illustre Schar wäre – von ihm animiert – zu einer weiteren Entdeckungstour über die restliche Halbinsel aufgebrochen und er hätte seinem Ruhm ein weiteres Blatt hinzufügen können. Wir dagegen sind bereits Helden (siehe „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ von Joachim Fuchsberger). So schritten wir also schleunigst der nahegelegenen Haltestelle des Buses 694 entgegen, der Helden in männlich und weiblich und solche, die es noch werden wollen, im 20-Minuten-Takt innerhalb von 10 Minuten zurück zum Hauptbahnhof Potsdam bringt. Orden wurden zwar nicht verteilt, aber ansonsten war der Ausflug doch ganz ordentlich, oder?

Gunter Dickes

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