Unterwegs mit 55plus

Bauwerke sind vergänglich. Manche stehen 800 Jahre, dann brennen sie in einer Nacht zu einer Ruine ab, manche werden durch Bomben in Schutt und Asche gelegt, einige von religiösen Fanatikern sinnlos zerstört. Seit 1961 gab es den im Volksmund sogenannten „Tränenpalast“. Geplant war er eigentlich als repräsentatives Empfangsgebäude für den Bahnhof Friedrichstraße. Hier sollten Staats und Regierungschefs aus aller Welt empfangen werden, aber nach dem Mauerbau mutierte er zu einer Ausreisehalle der Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße. Von hier aus fuhren S-, U- oder Fernbahnen aus der DDR in die „selbständige politische Einheit“ West-Berlin. Hier wurden viele Tränen vergossen.

vor der Tränenpalast: Gruppe 55plus

Das Berliner Stadtschloss wurde im Krieg stark beschädigt. Was den Krieg überlebt hatte, wurde gesprengt und abgeräumt. Es entstand für 25 Jahre eine Brache, Aufmarschplatz genannt. 1976 wurde an dieser Stelle der „Palast der Republik“ eröffnet.
Die Wende veränderte alles: Der Palast der Republik wurde unter Tränen abgerissen, das Schloss als Fassade ersteht an alter Stelle wieder und geht seiner Vollendung entgegen. Geblieben ist der Tränenpalast. Hier erinnert man heute an die Grenzkontrollen der DDR Grenzer. Es ist jetzt schon wieder 30 Jahre her, man hatte es fast vergessen, aber schlagartig steht einem alles wieder vor Augen: Passierscheine, Zollinhaltserklärung, MDN, Zwangsumtausch.

Die Einreise nach Ost-Berlin erfolgte über die Bahnhofsanlagen des Bahnhofs Friedrichstraße, nicht durch den Tränenpalast.
Den konnte man nur bei der Ausreise betreten. Die eigentliche Struktur des Bahnhofs war nicht mehr zu erkennen. Während man heute im Bahnhof umherirrt und die Nord-Süd-Bahn nicht findet, war das damals unmöglich. Man tauchte in dieses Gewirr auf dem Stadtbahnhof ein und wurde automatisch am Intershop wieder in die „Ostfreiheit“ entlassen. Unsere Führerin (mit DDR Hintergrund) erklärte uns das alles mit Anekdötchen und Geschichten die oft viel Tragik enthielten. Filmausschnitte machten die Erinnerung noch eindrucksvoller.

Anschließend besuchten wir das Mauerpanorama von Yadegar Asisi. Wir waren auf das Thema eingestimmt. Trotzdem wurde man doch noch von den Eindrucken übermannt, die auf uns einstürmten.

Yadegar Asisi über sein Werk: „Ich habe in den 80er Jahren in Kreuzberg an und mit der Mauer gelebt. Das Panorama bündelt einen Teil meiner Erfahrungen in vielen Szenen und Details. Ausgehend von der realen Situation zwischen Sebastianstraße und Dresdner Straße habe ich die Bildkomposition so umgesetzt, dass dem Betrachter in vielen Details kleine Geschichten erzählt werden. Sowohl die Topografie der Stadt als auch Zeitgeschichte sind aber verdichtet und künstlerisch überhöht. Ich möchte den Besuchern die Atmosphäre der Zeit vermitteln – und das in Details, die so nicht alle zeitgleich oder an einem Ort geschehen wären. „Die DDR währte nur 40 Jahre, bestimmte aber mehr als die Hälfte unseres Lebens.“

Wer war die „Kirchenjuste“?

Szenenwechsel: 14 Tage später. Detlef macht mit uns eine Tour durch Friedenau. Wer war die „Kirchenjuste“?

Auguste Viktoria Friederike Luise Feodora Jenny von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg VA (1858-1921) war die erste Gemahlin des letzten deutschen Kaisers Wilhelms II. Sie engagierte sich besonders im sozialen Bereich und war deshalb wesentlich populärer als
ihr Gatte, der vom Volk oft kritisiert und verspottet wurde.
Die Deutsche Rot-Kreuz-Gesellschaft, der vaterländische Frauenverein und der Hilfsverein zur „Bekämpfung des religiös-sittlichen Notstandes“ standen unter ihrer Schirmherrschaft. Sie förderte die Errichtung evangelischer Kirchenbauten besonders in den neuen Arbeiterquartieren.
Dieses Engagement trug ihr im Volksmund den Namen „Kirchenjuste“ (Juste=berlinisch kurz für Auguste). Als sie nach Jahren im Exil in Doorn verstarb, wurde ihr Sarg nach Potsdam überführt. Tausende folgten dem Trauerzug. (Wikipedia)

Schulen, Stiftungen, Straßen, Parks und Krankenhäuser wurden nach ihr benannt. Vor einem solchen begann unsere Tour, dem AVK.
Wie sagte Pfarrer Brehm so schön in einer Predigt: „Lass uns Gutes tun, ohne uns auf einen Sockel zu stellen oder uns auf einen stellen lassen.“
Hier im AVK steht eine Marmorstatue von Ihr. Der nächste Haltepunkt war die Nathanael Kirche, auch sie mit Unterstützung der Kaiserin erbaut.

Nach einer kurzen Kaffeepause am S Bahnhof Friedenau lösten wir uns von den Hohenzollern und unser eigentlicher Spaziergang begann. Erstaunlich, dass es noch viel alte Bausubstanz in Friedenau gibt. Steglitz erhielt ja nach den verheerenden Bombenangriffen im 2. Weltkrieg den Nahmen „Stetnix“. Zum Beispiel die Ceciliengärten, eine Wohnanlage aus den 20er
Jahren. Hier lebte und arbeitete der Berliner Maler, Grafiker und Schriftsteller Hans Baluschek der anklagend das Leben des Proletariats darstellte. Eine Plakette erinnert an ihn. Ein weiterer schöner Platz, fast schon ein Park, ist der Perelsplatz, der früher Maybachplatz (benannt nach einem preußischen Minister) hieß und heute an den Justitiar der bekennenden Kirche Friedrich Justus Perels erinnert, der im Zusammenhang mit dem 20. Juli noch in den letzten Kriegstagen 1945 von der Gestapo erschossen wurde.

Ziel unserer Wanderung war der III Städtische Friedhof an der Stubenrauchstraße. Hier liegen Marlene Dietrich und ihre Mutter begraben (Josefine von Losch, geb. Felsing. Auf dem Grabstein der Dietrich steht der
Spruch: „Hier stehe ich an den Marken meiner Tage“ aus dem Gedicht „Abschied vom Leben“ von Theodor Körner.
Auch Ferruccio Busoni liegt hier begraben. Warum in Berlin? Er war ein italienischer Pianist, Komponist und ein Musikpädagoge, seine Mutter hatte deutsche Wurzeln. In der Nähe von Florenz geboren waren seine Stationen Bologna, Leipzig, Helsinki und Bosten. Seit 1894 lebte er ständig in Berlin am Viktoria Louise Platz 11. Seine Opern sind vergessen, seine Instrumentalwerke werden kaum noch gespielt. Aber das Grab gibt es noch.

Hartmut Wieseke – Bilder Jürgen Fritsche

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