Bericht Wandern

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (KWG)

Franz Schwechten lebte von 1841 bis 1924. Er war ein renommierter Architekt und entwarf Brücken (über den Rhein), Bahnhöfe (Anhalter Bahnhof), Fabrikgebäude (AEG-Apparatefabrik, Brauereien (Schultheiss Brauerei in der Schönhauser Allee) , Schlösser (Residenzschloss im ehem. Posen) und Kirchen. Eine davon ist die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin-Charlottenburg.

Schwechten erhielt den Auftrag zum Bau dieser Kirche von Kaiser Wilhelm II, der damit die Erinnerung an seinen Großvater Kaiser Wilhelm I wachhalten wollte. Als Bauplatz wurde ihm der Gutenbergplatz in Charlottenburg zugewiesen, der dann von 1892 – 1947 Auguste-Viktoria-Platz hieß (das war die Gattin von Wilhelm II), 1947 umbenannt wurde und seitdem Breitscheidplatz heißt. Gebaut wurde von 1891 bis 1895.Der Bauherr besuchte die Baustelle häufig und hat sicher auch den einen oder anderen Wunsch vorgetragen, der dann untertänigst erfüllt wurde. Als das Glockengeläut zur Einweihung zum ersten Mal läutete heulten die Wölfe im benachbarten Zoologischen Garten minutenlang und waren durch nichts (auch nicht durch kaiserlichen Befehl) zu beruhigen. Dann kamen im November 1943 die britischen Bomber und setzten die Kirche in Brand. Der Dachstuhl brach zusammen und die Spitze des Hauptturms knickte schräg ab was heute noch zu erkennen ist. Übrig blieb eine Ruine, die für Gottesdienste nicht mehr benutzt werden konnte. Der Führer sagte zu, nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Kirche genauso prächtig (oder sogar noch prächtiger?) wieder aufzubauen. Siehe, ich mache alles neu! (vergl. Gedanken zur Jahreslosung). Aber dazu hatte er keine Gelegenheit mehr. Bis 1956 wurde die Ruine dem Verfall preisgegeben. Ich kann mich gut daran erinnern. Einige Häuser hatten das Inferno überlebt aber der östliche Teil bestand aus einem abgeräumten Ruinenfeld, auf dem einsam das „Catcherzelt am Zoo“ stand. Umrundet wurde die Ruine von allen Straßenbahnen, die an diesem Verkehrsknotenpunk zusammenliefen.

Um den Wiederaufbau wurde gerungen. Die einen wollten den alten Zustand wieder herstellen, die andern alles neu machen (Egon Eiermann). Und die Berliner? Die wollten ihren „Hohlen Zahn“ behalten. Das konnten sie dann auch und bekamen noch „Lippenstift und Puderdose“ dazu.

Fragt man: Was ist ein Kompromiss? So lautet die Antwort: Der Neuaufbau der KWG. Anfangs von keinem geliebt ist sie heute eine Touristenattraktion und ein eindringliches Mahnmal gegen den Krieg.

Immer freitags um 13 Uhr wird in der Vorhalle das Versöhnungsgebet von Coventry gesprochen. Es lautet:

Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Römer 3, 23)

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse, Vater, vergib.

Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist, Vater, vergib.

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet, Vater, vergib.

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der Anderen,  Vater, vergib.

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge, Vater, vergib.

Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht, Vater, vergib.

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott, Vater, vergib.

Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32)

Zur Info: Die Kathedrale von Coventry war einst die größte Pfarrkirche Englands und wurde 1940 durch einen Bombenangriff der Deutschen Luftwaffe zerstört. Ihr Nachfolger, die St. Michael’s Kathedrale wurde an gleicher Stelle, direkt neben den Ruinen, errichtet. Sie gilt auf Grund der architektonischen Konzeption als „Schwesterkirche“ der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Das Nagelkreuz entstand aus drei Nägeln des zerstörten Dachstuhls der Kathedrale.

Hartmut Wieseke


Wir, als Wandergruppe 55+, haben die Kirche im Rahmen unserer Stadtspaziergänge besucht. Zwei junge Studentinnen der Kunstgeschichte haben uns mit ihrem fundierten Wissen einen Überblick über die Entstehung und Geschichte der Kirche vermittelt.  Höhepunkt war die Begehung des Ganges zwischen Innen und Außenwand. 16.000 Fenster aus farbigem, überwiegend blauen, Glas erzeugen das beruhigende Licht im Inneren wie im Äußeren der Kirche. Erstaunlich auch das zum großen Teil erhalten gebliebene Deckenmosaik im Empfangsraum der alten Kirche. Deutlich wird an dieser Stelle auch der Zusammenhang zwischen Monarchie, Religion und Politik. Der Turm der Ruine ist beschränkt zugänglich. Einige von uns haben ihn bestiegen.

Es war für alle ein erlebnisreicher Tag, denn wir sind ja Zeitzeugen dieser Geschichte.

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