Wandergruppe im Stettiner Haff
Besser spät als nie
Die Wandergruppe fährt zum Stettiner Haff
Ca. 36 Stunden vor dem Ausflug an das Stettiner Haff bekomme ich beim Doppelkopf einen Anruf. Hartmut aus der Gemeinde will mir ein Angebot unterbreiten, da kurzfristig ein Platz für eine Ausflugsfahrt frei geworden ist. – Die Einzelheiten klären wir von zu Hause aus. – Und wie ihr unschwer erkennen könnt, habe ich meine heimatliche Komfortzone für einen Tag verlassen und mich auf die Fahrt eingelassen
Wir fahren also mit „Mein roter Bus“. Gleich beim Treffpunkt am 17. Juni gegen 7:00 Uhr stelle ich fest: Mit 42 Teilnehmern eine ziemlich große Gruppe, fast alle nicht mehr ganz jung und einige davon mit Rollator oder sogar Rollstuhl unterwegs – das sollte bei den ziemlich steilen Einstiegstreppen nicht immer leicht sein. Die Reiseorganisatorin Ilona – sie ist dort aufgewachsen und hat ihre Muttersprache Polnisch nicht vergessen – nimmt meinen Teilnehmerbeitrag entgegen und fragt, welches der beiden Gerichte ich als Mittagessen wählen möchte: gebratenen Ostseedorsch oder Hähnchenbrust? Mindestens 35 Leute haben sich für den Fisch entschieden – ich nehme lieber die Hähnchenbrust, weil ich weiß, dass ich schon an der kleinsten Gräte ersticken kann (leicht übertrieben). Doch als wir dann das Essen serviert bekommen und ich die gegenübersitzenden Leute alle mit den Gräten zwischen Mund und Teller kämpfen sah, habe ich mir nachträglich für meine Wahl auf die Schulter geklopft.
Neun Tage nach der Fahrt haben wir dieses Wetter – also Temperaturen, die so eine Fahrt unmöglich gemacht hätten – also hatte der Wettergott ein Einsehen mit uns – das war ja auch eine Fahrt der Kirchengemeinde, da kann man dieses Geschenk schon mal annehmen. Bei richtiger Hitze hätte ich die vergessene Sonnenbrille und die Schirmmütze noch mehr vermisst.
Ich hatte es super bequem im Bus, da ich zwei Plätze alleine nutzen konnte. Die NEUE war nicht vorgestellt worden, sodass niemand neugierig genug war, um sich neben sie zu setzen. Für mich war das insofern ein Vorteil, weil ich dann mit meinem desolaten Gehör bei den lauten Umgebungsgeräuschen keine Energie für Unterhaltung und Zuhören aufbringen musste. Ich konnte die Hörgeräte auf ‚ganz leise‘ oder auf ‚aus‘ stellen.
Die Hinfahrt geht auf der Autobahn schnell und zügig, doch als wir uns dem ersten Ziel nähern, werden die Straßen bzw. Wege immer enger, sodass bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug eine Meisterleistung von beiden Autofahrern verlangt wird.
Der Pfarrer der „Kirche Mariä Himmelfahrt“ erwartet uns schon in Nowe Warpno und zeigt uns seine schöne Kirche. Hätte ich da schon gewusst, dass sie genau an meinem ersten Geburtstag als katholische Kirche geweiht wurde – vorher war sie evangelisch – hätte ich noch ehrfürchtiger besichtigt. Dass der erste polnische Papst Johannes Paul II. überall besonders geehrt wird, ist mehr als verständlich. Dass er der erste Pole in diesem Amt war, ist nicht so verwunderlich wie die Tatsache, dass er seit 1522 der erste Nicht-Italiener war, der in dieses höchste katholische Amt gewählt wurde. Er war bei seiner Wahl 1978 mit 58 Jahren der zweitjüngste Nachfolger als Pontifex und mit seiner Amtszeit von 26 Jahren auch fast am längsten im Dienst. Sein Nachfolger war auch ein Nicht-Italiener, nämlich der deutsche J.A. Ratzinger, bekannt als Benedikt XVI. Ich glaube, die Deutschen waren auf ihren bayrischen Papst nicht weniger stolz – bei ihm gab es den freiwilligen Amtsverzicht vor seinem Tod als sehr ungewöhnlichen Fakt. – Doch jetzt bin ich abgeschweift.










Eine beeindruckende Engelsstatue hatte uns bei der Ankunft empfangen. Auf jeder Seite des Sockels „Denkmal für Mütter“ sind Texte angebracht – die eine Seite mit deutschem Text könnte für Leute interessant sein, die sich bei ihrer Mutter bedanken wollen.
Nicht nur religiös geprägte Standbilder findet man überall, auch andere Gedenksteine erinnern an gute oder schlechte Zeiten.
Dann machen wir uns auf den Weg, um den weltlichen und maritimen Bereich des Stettiner Haffs zu beschnuppern. Immer wieder sehe ich deutschsprachige Angebote, sich doch in dieser schönen Gegend ein Grundstück zu kaufen – ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich dabei immer ein wenig unwohl. Diese Gegend macht einen sehr gepflegten und wohlhabenden Eindruck – die Häuser mit ihren Grundstücken waren tipptopp gepflegt. Photovoltaikplatten auf den Dächern verdeckten sehr oft die wunderschönen Dachziegel und die Spielgeräte in den Gärten ließen darauf schließen, dass eine Generation nachwächst.
Wir laufen in Richtung Hafen und kommen an einem schönen (Spiel-)Fisch vorbei. Clara hat ja – wie so oft – (nur) Knete im Kopp und gibt dem Fisch ganz schnell einen heftigen Stoß – und huiiiiii – im Nu hat er ganz schnell in seinen Runden alle Teilnehmer begrüßt – aber die haben das nicht verstanden, denn: Mówił po polsku.
An mehreren Stellen stehen kleine Aussichtstürmchen, damit man die Gegend in ihrer ganzen Schönheit sehen kann.
Mich beeindruckt besonders, dass es auch die Mitreisenden mit Rollator schaffen, auf den Turm zu steigen, weil sich zum Glück immer kräftige Hände finden, die die Gehhilfen nach oben und wieder nach unten befördern.
Auf dem Weg zum Hafen zeigt sich die Kirche, besonders ihr Turm, in einer wunderschönen wolkigen Umgebung.
Neugierige gehen auf einen schwimmenden blauen Steg – vielleicht wollen sie erkunden, ob im Wasser wirklich Fische sind – im Hafen sind auf jeden Fall Segelboote.
Wir kommen an einer Bank vorbei, neben der Figuren einer schwangeren jungen Frau mit ihrem Kind zu sehen sind, das auch ganz gespannt aufs Wasser blickt. Vielleicht warten sie auf den zur See fahrenden Vater, damit er sein neues Kind begrüßen kann.
Auch die Statue eines Fischers und seines Fangs war zu bestaunen, hätte dieser freundliche Fischer seine Ware in zahnfreundlicher Art angeboten, wäre ich mit ihm ins Geschäft gekommen
Wir sind also noch im oder am Hafen in Nowe Warpno – aber sicher regt sich nicht nur in meinem Magen ein kleines Hüngerchen, doch ein kleiner Ortsbummel muss sein.
Mit einem Blick auf diesen „Hafenturm“ verlassen wir das Hafengebiet und gehen „landeinwärts“. Auch hier wieder so ein schöner Torbogen, noch schöner fand ich den Schmuck auf dem Fußboden. Aber es blieb nicht viel Zeit, da wir aber schon ganz leicht im Zeitverzug waren – das Mittagessen in Ziegenort war für 13:00 Uhr angemeldet, noch 25 Buskilometer entfernt.
Wir kommen zu einem kleinen Platz, Marktplatz kann ich ihn nicht nennen, da ich nicht weiß, ob hier Markt stattfindet. Die Übersetzung aus dem polnischen heißt „Platz des Sieges“. – Mich hat eine Pumpe begrüßt – ich liebe Pumpen, denn die können bei Funktionstüchtigkeit in wasserarmen Zeiten (vielleicht) helfen. – Richtig spannend wurde es danach.
Wir erreichten die Statue eines Mannes mit der fehlenden rechten Hand, die den Maler Hans Hartig darstellt, 1927 zum Ehrenbürger von Nowe Warpno (damals hieß es Neuwarp) ernannt. Er hat durch seine Malerei den Ort bekannt gemacht und Touristen angelockt. Hier auf diesem Platz steht er seit 2013.
Wer die Statue in voller Schönheit, ohne Gedränge und ohne verlockende Geldkassette sehen möchte, muss entweder hier oder hier schauen.
Was es richtig mit den vielen Münzen aus vieler Herren Länder auf sich hat, weiß ich nicht – aber ICH bin ja auch nicht an Kleingeld interessiert – dazu habe ich trotz intensiver Suche im Netz nichts gefunden.
Wenn bei uns Politiker oder andere heimlich oder offen in die Kassen greifen, begnügen sie sich nicht mit so einem bisschen Kleingeld, die fassen gleich Millionenbeträge ab – vielleicht nicht direkt und ohne Umweg in die eigene Tasche oder in die der Verwandtschaft, aber zumindest zu Lasten der Steuerzahler.
Wer hier seine zugreifende Hand erkennt, kann zur Kripo gehen.
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Unser Mittagessen wartete in Ziegenort (den polnischen Namen erspare ich mir und euch) auf uns – wahrhaft traumhafte Umgebung direkt am Wasser.
Wir stehen vor einem Wegweiser – der unterste schickt die Gäste zum Skatepark – aber ich steige nie wieder auf solche schnellen Rollen, auf denen ich vor Jahren ziemlich schwer verunglückt bin – aber Unkraut vergeht nicht. –
Da strahlt eine Statue eines bärtigen Mannes mit seinem Paddel viel mehr Ruhe und Gelassenheit aus.
Und auch hier wieder so ein hübscher Besteige-Turm, damit einem von oben auch kein einziger Fisch im Haff entgeht – natürlich nur mit einem Superfernglas.
Doch jetzt erst einmal zum Essen – alles perfekt vorbereitet – die wenigen Brathähnchenbrustesser sitzen alle an einem Tisch, damit es für die hübschen Bedienungsmaiden einfacher ist. Wie eine von ihnen mit ihren nicht enden wollenden Fingernägeln Tassen und Teller fest in den Griff bekam, habe ich bewundert – die Nägel nicht.
Auf jedem tiefen Teller hat ein halbrund geformter Nudelberg mit enthaltenem Gemüse Platz genommen. Heimliche Fingerspitzenprobe ergab: kalt. – Als dann Terrinen mit fast kochender Brühe serviert wurde, fiel auch bei mir der Suppengroschen.
Den Kampf mit den Gräten des gebratenen Ostseedorsches hatte ich ja schon am Anfang erwähnt – zum Glück hatte meine servierte Hühnchenbrust weder Knochen noch Gräten. – Getränke aller Art gab es reichlich – alles im Reisepreis inbegriffen – aber das Eis als Nachtisch war für mich eben doch das Beste. Schon seit frühester Jugend liebte ich bei meinen zahlreichen Verwandtenbesuchen in Polen und bei späteren Familienausflügen LODY – da konnte die gesamte Familie nicht genug davon bekommen.
„Völlig ausgehungert“ brachen wir von dort auf und machten uns auf den Weg zum Kaffeetrinken. Unterwegs war die Besichtigung des Bismarckturms vorgesehen – doch die Zeit drängte und dieser schöne Programmpunkt musste ausfallen, aber das wollen Hartgesottene im Kleingruppenformat vielleicht nachholen. – Auf dem Weg zurück auf die Hauptstraße musste der Busfahrer im Rückwärtsgang sein ganzes Fahrgeschick aufbieten, um den Bus unversehrt zur Straße zu fahren. Am Turm wird wohl gerade restauriert, denn wir konnten Bauarbeiter auf dem Dach entdecken.
Unser nächstes Ziel war ein Restaurant mit schöner Seeterrasse und ist vollendete Schönheit aus einer vergangenen Zeit – nur leider für Gäste mit Lauf-Hilfs-Mobil nicht ideal, denn es gab von A bis Z viele Stufen, sogar zur Toilette.
Und da traten wir auch schon die Heimfahrt an – es ging durch Stettin inklusive Blick auf ein schönes Backsteingebäude und das Rathaus.
Fazit des Tages: Wenn ein Tagesausflug 13 Stunden dauert und ich davon ca. 8 Stunden mit Busfahren verbringe, stimmen für mich die Proportionen nicht. Ich bin noch am späten Abend mit einem Bus im Kopf ins Bett gegangen.
Danke an alle, die sich für diese schöne Fahrt engagiert haben
Text: Clara H.; Fotos: Clara H.
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