Wunder

Wunder – Eine Vereinbarung von Glauben und Vernunft

In einer der Ärztezeitungen, die ich mit großem Interesse lese, stand kürzlich ein Bericht, der mich sehr beschäftigt hat und über Wunder nachdenken ließ.

Denken Sie auch, dass hier ein Wunder geschehen ist?
War das ein neuer Zustand zwischen Leben und Tod? Es ist auch etwas ganz anderes als der Winterschlaf einiger Säugetiere (z.B. Igel, Hamster, Murmeltier). Bei ihnen erfolgt durch hormonell gesteuertes Absinken der Körpertemperatur und Stoffwechselverlangsamung ein Ruhezustand – der Winterschlaf.

Sind Wissenschaft und ärztliche Kunst so weit vorangeschritten, dass ihre Erfolge schon an Wunder grenzen?

Was verstehen wir eigentlich unter Wunder? Das sind außergewöhnliche Ereignisse, die wir uns nicht mit Vernunft und menschlicher Erfahrung erklären können. Es sind also Ereignisse, die nicht nach den bestehenden Regeln unserer Welt geschehen.

Aus der Bibel kennen wir die Wundererzählungen der Evangelien und daher wissen wir, dass Jesu z.B. Lahme gehend gemacht und Tote zum Leben erweckt hat. Um das zu verstehen, müssen wir die Vereinbarkeit von Glauben und Vernunft finden. Lässt sich beides überhaupt vereinbaren? Ich glaube, dass man nach dem heutigen Wissensstand der Medizin, Psychologie und Technik in einigen Fällen eine neue Definition bestimmter „Wunder“ finden könnte (z.B. aufgrund des Placebo-Effekts, der Suggestion, der Hypnose u.a.).

Und dennoch: Es geschehen Wunder! Und wir dürfen, ja, wir sollen an sie glauben. Sie machen das Leben hoffnungsvoller, bunter und schöner. Mit unserem Chor haben wir neulich (nach langer Corona-Pause im Gemeindegarten) gesungen: „Sei dir nur darüber klar, diese Welt ist wunderbar. Schau zum Himmel, und es werden Träume (Wunder) wahr“.

Wir wissen, dass Menschen, die nach schwerer Krankheit plötzlich eine unerwartete Genesung erleben, darin ein Wunder sehen. Soldaten, die schwer verletzt und unter großen Entbehrungen nach langer Gefangennahme zu ihrer Familie zurückkehren konnten, und Menschen, die den Holocaust überlebten, haben sie alle „Glück“ gehabt oder war es ein „Wunder“?

An Orten, wo Menschen ein Wunder erlebt haben, sind oft Pilgerstätten entstanden, an denen man sich weiterhin Heil erhofft.

Während meiner Israelreise hatte ich auch in Bethlehem die Geburtskirche mit der Geburtsgrotte besucht. Es ist der Ort, wo Jesu zur Welt gekommen ist. Gleich nebenan befindet sich die Franziskanerkapelle mit der Milchgrotte. Hier soll Maria beim Stillen einen Tropfen Milch verloren haben, worauf der Felsen zu weißen Kalkstein wurde, dem man Milch fördernde Wirkung nachsagt. So ist hier ein Pilgerort entstanden für Frauen bzw. Ehepaare mit unerfülltem Kinderwunsch.

Bei Tapgha am Ufer des Sees Genezareth liegt der Berg der Seligpreisungen. Bevor Jesus hier die Bergpredigt gehalten hat, speiste er mit 5 Broten und 2 Fischen 5000 Menschen. An das Wunder erinnert als Pilgerort die Brotvermehrungskirche mit kunstvollen Mosaiken.

In Frankreich habe ich Lourdes, den reizvoll am Nordhang der Pyrenäen gelegenen Wallfahrtsort kennen gelernt. Vier Kilometer südlich von Lourdes schwebt eine Seilbahn auf den 1383m hohen Pibeste, der einen herrlichen Pyrenäenrundblick bietet. Doch das Stadtbild von Lourdes ist geprägt von unzähligen Souvenirläden, Hotels, Krankenanstalten und Besuchern (jährlich 6 Millionen). Es sind viele Pilger und Kranke, die Heilung erhoffen und in Rollstühlen und in Betten liegend durch den Ort geleitet werden.

In der Grotte Massabielle hatte 1858 das Hirtenmädchen Bernadette Sabirous eine Marienerscheinung. Dadurch wurde das als heilkräftig geltende Wasser der Quelle zum Sprudeln gebracht. Die erste nationale Wallfahrt fand 1873 statt und Heilungen werden von einer Ärztekommission geprüft. Die letzte medizinisch und kirchlich anerkannte Heilung ist mir von 1976 bekannt. Bernadette hat später in einem Kloster gelebt und 1933 wurde sie heilig gesprochen.

In dem religiösen Zentrum von Lourdes befindet sich der Rosenkranzplatz. Dort steht die unterirdische Kirche St.Pie X (1958), die mit 201m Länge und 81m Breite 20 000 Gläubige fasst und eines der größten Gotteshäuser der Welt ist. Bei der Kirche endet die täglich in der Grotte beginnende Prozession mit den Krankensegnungen. Rampen führen hinauf zu der neogotischen Rosenkranzbasilika (1889), der oberen Kirche mit dem 70m hohen Turm.Sie fasst 2000 Menschen. Unterhalb dieser Basilique Superieure liegt die 12m breite und 10m tiefe Grotte Massabielle. In der Erscheinungsnische steht seit 1863 die nach Schilderung der Bernadette errichtete Marienstatue aus Carrara-Marmor. In 17 Becken suchen Kranke Heilung.

 In Burgund, unweit von Chalon-sur-Saone, liegt Taizé, eine 1940 vom Klosterbruder Pierre gegründete ökumenische Gemeinschaft, die junge Menschen aus aller Welt anzieht. Sie können sich dort kurze oder längere Zeit aufhalten. Es ist ein Ort der Begegnung, der Frieden und Fröhlichkeit ausstrahlt. Man diskutiert, kocht, singt und betet dort zusammen. Unsere Töchter haben mit ihren Lehrern und Klassenkameraden aus der Deutschen – Schule/Paris einige Tage in Taizé verlebt und mein Mann und ich waren nur einige Stunden dort. Wir haben am Gottesdienst in der Kirche und an Diskussionen teilgenommen. Taizé ist kein Pilgerort sondern eine Begegnungsstätte, in deren Gemeinschaft man sich sofort aufgenommen fühlt. Wir haben dort sehr freundliche und einander zugewandte, offene Menschen kennen gelernt, denen das Wunder unser aller Existenz und das unserer Erde wohl bewusst ist und an deren Erhalt es für uns alle gilt dafür einzustehen und daran mitzuwirken.

Ich hoffe, dass Sie beim Lesen dieses Artikels genau so viel Spaß haben, wie ich beim Schreiben.

Hannelore Krause

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