Erinnerungen 3
Schon als kleines Kind hatte ich den Wunsch geäußert „ÄRZTERIN“ zu werden. Ja, ich wollte immer Kinderärztin werden. Doch kurz vor dem Abitur habe ich meine Meinung geändert. Durch unseren Hund hatte ich im Boxerclub eine Tierärztin kennengelernt, die mich in ihre Kleintierpraxis mitnahm und auch in den Zoo, wo sie ebenfalls Patienten hatte. Ich fand das alles sehr interessant und habe meinem Klassenlehrer von meinem evtl. Sinneswandel erzählt. Er empfahl mir zusätzlich noch einen anderen Tierarzt, seinen Freund, aufzusuchen. Bei ihm durfte ich auch in der Praxis hospitieren und er nahm mich zu den letzten Berliner Brauerei- und Müllpferden mit und zu den Milchkühen, die damals noch vereinzelt in Ställen auf Hinterhöfen ihr Zuhause hatten. Ich war danach überzeugt, dass Veterinärmedizin das richtige Studium für mich ist und habe es nie bereut.
In der Zeit habe ich meinen späteren Mann kennen gelernt. Martin studierte Betriebswirtschaft an der TU.. Als ich erfuhr, dass er in einer Laienspielgruppe war, bin ich auch dort eingetreten. Die neuen Freunde und Pfarrer Heichen, der Leiter, waren sehr nett. Geprobt wurde gerade „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal und ich bekam die Rolle der Mutter. Durch einen Mitspieler, der schon kleine Rollen im „Theater am Kurfürsten Damm“ hatte, bekamen wir von dort die Requisiten, die wir im Leiterwagen zur Aufführung in die Gemeindesäle transportierten. Bei der ersten Aufführung muss ich vor Aufregung wohl mit einer sehr zittrigen Stimme gesprochen haben; denn als unser Auftraggeber nach der Aufführung hinter die Bühne kam um uns zu danken, fragte er suchend nach der alten Frau und als Pfarrer Heichen antwortete: „sie steht neben Ihnen“, war er überrascht, dass ein junges Mädchen neben ihm stand. Wir hatten viel Spaß in der Spielschar und haben uns in auch Italien mit anderen Laienspielern getroffen. Einmal hatten wir auch eine Audienz beim Papst.
Für das Studium musste ich aber auch viel lernen. Neben dem Vorphysikum und dem Physikum gab es viel Zwischenprüfungen und Testate und ich wollte mein Studium in zehn Semestern schaffen. In den Semesterferien haben wir auch versucht Geld zu verdienen, ich habe bei Schering gearbeitet. Unsere Studentenzeit haben wir aber trotzdem genossen: man war jung und unbeschwert. In der Faschingszeit haben wir gern die Bälle der TU besucht, den „Schrägen Zinnober“ und den „Springenden Punkt“. Die Tanzstundentänze standen im Hintergrund, man tanzte Rock„n Roll. Für Studenten war die Eintrittspreise immer verbilligt, auch für kulturelle Veranstaltungen. Man konnte sich also auch Opernbesuche leisten.
1958 sind Martin und ich auf seinem Motorrad zur Weltausstellung nach Brüssel gefahren. Die Nuklearenergie und die Weltraumfahrt standen im Zentrum des Interesses. Danach haben wir Paris und die Normandie bereist und unsere Liebe zu Frankreich entdeckt. Franzosen haben uns am Strand Boule beigebracht und wir ihnen Völkerball.
Als ich 1959 mitten im Staatsexamen war ist mein Vater bei einer Geschäftsreise tödlich verunglückt.
Martin hatte nach seinem Examen bei der IBM angefangen zu arbeiten, erst in Berlin, dann in Stuttgart. Bei der Firma war es üblich, dass Anfänger in kurzen Abständen die Geschäftsstellen wechseln mussten.
Wir hatten inzwischen geheiratet. Meine Assistentszeit hatte ich in Berlin und Stuttgart gemacht und danach die Approbation erhalten. Als Martin nach Münster musste, habe ich dort an der Universität in der Forschung gearbeitet. Durch Kollegen haben wir auch guten Kontakt gefunden. Martins Chef ist sogar mit uns und einigen anderen zur Tanzstunde gegangen. Vom Bau der Berliner Mauer haben wir erfahren als wir an dem Wochenende gerade in Amsterdam waren. Wir fanden das ganz schrecklich…….und dennoch hatte ich immer etwas Heimweh nach Berlin.
1962 ist es meinem Mann gelungen,nach Berlin zu kommen. Hier sind auch unsere Töchter geboren. Ich fand es schön wieder mit der Familie zusammen zu sein und unsere Mütter, die beide Witwen waren, freuten sich besonders über die Enkeltöchter. Auch die Brüder meiner Mutter kamen aus San Francisco mehrmals zu Besuch nach Berlin.
Hannelore Krause






