Erinnerungen 2


Als der Krieg zu Ende war, suchte mein Vater mit mir sofort die Großeltern auf. Auch sie hatten den Krieg überstanden und waren nicht ausgebombt. Wir hatten alle Glück gehabt. Doch der Weg zu ihnen war schrecklich: wir hatten nicht nur die vielen Ruinen gesehen, sondern auch erschossene oder erhängte Soldaten und in der Schönhauser Allee mussten wir über tote Pferde steigen.

Durch Deutschland zogen Flüchtlingsströme; es waren Vertriebene, Ausgebombte, Kriegsgefangene, ehemalige Soldaten.

Die Alliierten hatten die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern Überlebten befreit. Die nationalsozialistischen Hauptverbrecher wurden angeklagt und sind 1946 in Nürnberg hingerichtet oder zu lebenslangen  Haftstrafen verurteilt worden.

Am 5.Juni 1945 haben die vier Oberbefehlshaber der Alliierten die Übernahme der Regierungsgewalt unterzeichnet. Sie teilten Deutschland in vier Besatzungszonen und Berlin in vier Sektoren. 1948 zerbrach das Bündnis und der Kalte Krieg zwischen den Westmächten und der UdSSR überschattete die Weltpolitik. Im Osten Deutschlands war aus SPD + KPD die SED gebildet worden.

Nach dem Krieg mussten die Menschen ihr aus den Fugen geratenes Leben verarbeiten und neu ordnen. Die „Trümmerfrauen“ z.B.griffen zu Spaten und Hacke und halfen bei den Aufräumarbeiten.

Durch die Kriegseinwirkungen waren Felder und Äcker vernachlässigt worden und die Versorgung mit Lebensmitteln war schon lange kritisch. Es gab zwar Lebensmittelkarten, doch nicht genug Lebensmittel. In der Nachkriegszeit wurde jedes Fleckchen Erde zum Anbau von Kartoffeln und Gemüse genutzt.  Bäume wurden im Grunewald und anderswo zur Ofenheizung gefällt. Dabei verlor eine Nachbarin einen Finger. Der Schwarzmarkt blühte und das „Hamstern“ (Tauschgeschäfte mit Bauern im Umland) kam in Mode. Mein Vater hatte so mein Fahrrad gegen einen Sack Porree eingetauscht, der ihm nachgeschickt wurde. Als mein Vater den Sack am „Gleis Dreieck“ abholte war der Inhalt vertrocknet. Als Nachbarn ihren Hund Purzel allein auf die Straße gelassen hatten, kam er nie mehr nach Hause. Hunde wurden gefangen und geschlachtet. Damals wurde der Schlager bekannt: „Der kleine Hund von Prillwitzen“, der so dick und rund war und der das gleiche Schicksal hatte wie der Spitz Purzel. Wir hielten zu der Zeit, wie viele Menschen, Kaninchen auf dem Balkon und Keller.

Not und Elend in Europa veranlassten den US-Außenminister Marshall zum Aufruf zu Spenden (Marshallplan) an die Bevölkerung aller europäischen Staaten einschließlich der vier Besatzungszonen Deutschlands. Unter Druck der UdSSR sagten die osteuropäischen Staaten ihre Teilnahme ab. Obwohl das Angebot auch an die UdSSR gerichtet war, rechnete niemand mit einer Zusage. 

Wir bekamen 1946 die erste Schulspeisung auf die wir bis zum Abend vor der Schule in der Kälte warten mussten. Danach war die Lieferung pünktlich und das Essen war immer lecker. Einmal gab es sogar ein Würstchen in der Kartoffelsuppe. Das Würstchen habe ich aufgehoben. Ich wollte es abends, wenn mein Vater zu Hause war, für uns vier teilen. Als ich aber den Deckel vom Töpfchen nahm, war es leer: mein dreijähriger Bruder hatte es heimlich gegessen. Unser erstes Care-Paket bekamen wir zum ersten Advent. Die Brüder meiner Mutter, die nicht mehr in China sondern in USA lebten, hatten es uns geschickt. Wir wurden praktisch ein ganzes Jahr durch diese Pakete ernährt. Einmal schickte mich meine Mutter mit einer Dose Schokoladensirup zu einer mir unbekannten Familie, deren gleichaltrige Tochter gerade Scharlach überstanden hatte. Kurz nach dem Besuch bekam ich eine Einladung zu einem Zoobesuch, den Trautes Tante mit ihr und den beiden Cousins geplant hatte. Das war ja sehr nett aber für mich war es keine wahre Freude; für mich waren es Fremde und mit den großen, wilden Jungen konnte ich garnichts anfangen. Traute und ich sind aber trotzdem 

Freundinnen geworden und sind es heute noch. 

Über uns hat Familie Erdmann gewohnt. Sie waren Künstler und hatten im Krieg die Soldaten mit Gesang und Tanz an der Front unterhalten, ihre Tochter Evelyn wurde dann von der Oma versorgt. Nach dem Krieg beschlossen sie mit Kindern für Kinder im Ufa-Theater und Prinzenpalast Theater zu spielen. Überglücklich war ich als mir meine Eltern erlaubten, dass ich die „Gretel“ spielen durfte; einen „Hänsel“ hatten sie schon. Evelyn spielte in „Fritz und Rieke“ und Erdmanns sangen und tanzten, z.B. „Einen Walzer für dich und für mich“.Wir waren etwa 10 Kinder. Als sich meine Eltern das Spiel angesehen hatten, war meine Mutter entsetzt wegen meiner schwarzen Knie. Na, ich kniete immer hinter der Bühne und beobachtete das Spiel der anderen durch die Mottenlöcher des Vorhangs. So hatte ich alle Texte gelernt und später mit meinen Freundinnen, meinen Töchtern und  vier Enkelkinder die Theaterstücke nachgespielt. Manches kann ich noch heute. Meinem Vater hat es nach einer Weile nicht mehr gefallen,dass ich so oft den Schulunterricht früher verlassen musste, um rechtzeitig im Theater zu sein. Er fürchtete, ich würde viel Pensum versäumen und die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium nicht schaffen. Damit war meine Künstlerlaufbahn beendet.

Die Aufnahmeprüfung für die Theresienschule habe ich bestanden und habe da zum ersten Mal Nonnen gesehen. Schwester Servatie hatte die Aufsicht bei den schriftlichen Prüfungen. Schwester Julie war die Direktorin. Beim Handarbeitskurs hat sie mir meine halbfertig gestrickte Socke mal auf den Kopf gesetzt, weil sie so groß wie eine Mütze war. Ich hab alles aufgetrennt und meine Großmutter hat mir zu Hause die Socken gestrickt. Als eine neue Schülerin, Eva Schneck, in unsere Klasse kam,wurde sie neben mich gesetzt. Sie war viel älter als wir und saß neben der jüngsten. Eva war sehr nett und sie war Tänzerin an der Staatsoper und hatte nie regelmäßigen Unterricht gehabt. Meine Eltern sind mit mir in die Oper gegangen wo ich Eva mit anderen Tänzerinnen in den „Lustigen Weibern“ beim „Tanz der Bienen“  bewundert habe. Danach durfte ich mit einigen Freundinnen zu Erdmanns zum Ballettunterricht, sie hatten inzwischen eine Ballettschule eröffnet, die bekannt geworden ist. Länger als ein Jahr war ich aber nicht dabei. Mein Vater hatte einen Bechsteinflügel gekauft und ich kam zur Klavierstunde zu Frl. Stöhr. Die Anfänge des Klavierspielens hatte mir meine Mutter auf ihrem alten Klavier beigebracht. Zu Frl.Stöhr musste ich immer eine Kohle mitbringen und sie spielte mit Handschuhen, an denen die Fingerkuppen abgeschnitten waren. Die Stücke, die ich bei ihr nun lernte,durfte ich zu Schulfesten in der Theresien Schule spielen: z.B. den Brahms Walzer und das  Präludium v. Bach.

Am 19.6.1948 war in den Westzonen und Westsektoren die Währungsreform, die Reichsmark wurde durch die DM abgelöst. Darauf verhängten die Sowjets am 23.6.1948 die Sperrung der Land- und Wasserwege von und nach Westberlin und untersagten Belieferungen der Westsektoren mit Lebensmitteln u.a. aus der Ostzone. Von da an brachten täglich die „Rosinenbomber“ Lebensmittel, Brennstoffe und andere Wirtschaftsgüter nach Westberlin. Die Blockade dauerte bis zum 12.5.1949.

Im April 1949 hatten westliche Staaten die Nato gebildet; sie wollten die Verteidigungsfähigkeit stärken. Deutschland war geteilt in die Bundesrepublik und die DDR. Am 10.5.1949 wurde Bonn als vorläufige Hauptstadt des Weststaates erklärt, am 23.5. wurde das neue Grundgesetz verkündet. Die DDR verkündete ihre Verfassung am 30.5.1949.

Mein Vater hatte sich nach dem Krieg selbständig gemacht. Er war Textilkaufmann und hatte mit seinem Vater (Schneider), einem Zuschneider und Näherinnen einen Laden „Aus Alt mach Neu“ eröffnet, viel Reklame gemacht, auch im Kino und das Geschäft lief gut. Es gab inzwischen auch neue Stoffe und so gab es nicht nur Änderungen. Am Gründonnerstag 1951 wurde mein Vater enteignet, ihm wurde der Schlüssel abgenommen und er musste sein Geschäft verlassen. Mit Hilfe von Freunden und Verwandten haben wir die Wohnung über Ostern geleert, konnten die Möbel in einem Möbellager unterstellen, sind bei Verwandten in Westberlin untergekommen und haben schnell eine schöne Wohnung in Schöneberg gefunden.

In die Theresien Schule konnte ich nicht mehr gehen. Dort hatte sich die STASI auch nach mir erkundigt. Ich bin in die Liebfrauenschule gekommen und hatte nach kurzer Zeit die Freude dort Gisela aus meiner Klasse der Theresien Schule zu begrüßen, die aus ähnlichen Gründen die Schule in Ostberlin verlassen hatte. Zum nächsten Schuljahr haben wir beide aber die Schule gewechselt und sind nach Schöneberg in die Rückert Schule gegangen. Dort haben wir1955 das Abitur gemacht. Wir stehen immer noch in enger Verbindung und manchmal begleitet mich auch Gisela zu den Konzerten, die in unserer Gemeinde stattfinden. 

Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Hannelore Krause

Teil 3 folgt bald

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