Erinnerungen
Es ist jetzt 80 Jahre her, dass der 2. Weltkrieg beendet wurde und wir im Frieden leben dürfen. Ich wurde 1936 geboren, also vor dem Krieg. Es war das Jahr der Olympiade in Berlin.
Nach Jahren der Weltwirtschaftskrise war es Adolf Hitler durch Versprechen Arbeitsplätze zu schaffen, gelungen an die Macht zu kommen. Seine antisemitische Welteinstellung und die Idee der „Germanischen Herrenrasse“ wurden bald deutlich. Bereits 1935 hatte er die Nürnberger Rassengesetze verkündet, die die Judenverfolgung einleiteten und 1937 gab es sichere Zeichen für einen Krieg.
Die Zeit meiner ersten Lebensjahre kenne ich vorwiegend durch Fotos, Erzählungen, aus Büchern und Berichten.
Der Vater meiner Mutter war Jude (nicht praktizierend), seine Frau gehörte als Hugenottin der französisch-reformierten Kirche an. Die vier Kinder galten als „Halbjuden“. Kurz vor meiner Geburt hatte mein Vater einen Pfarrer gefunden, der meine Mutter getauft hat: so stand auf meiner Geburtsurkunde: Vater und Mutter evangelisch. Ich wurde Weihnachten 1936 getauft.
In diese feindliche Welt wurde ich damals hinein geboren und wurde von meiner Familie freudig und mit Liebe empfangen. Ich habe mich auch immer beschützt gefühlt und habe die politischen Schwierigkeiten nicht wirklich mitbekommen oder verstanden.
Auf Ferienfotos von 1937 und1938 sehe ich mich mit meinen Eltern und den Brüdern meiner Mutter am Strand von Nord- und Ostsee. Wir sind damals mit dem Flugzeug von Berlin nach Hamburg geflogen und sehen alle fröhlich aus. Das sollte sich aber bald ändern.
Nachdem am 9. November 1938 SA-Männer in der Reichskristallnacht ein Pogrom gegen Deutsche jüdischen Glaubens veranstaltet hatten wanderten viele Menschen aus, vorwiegend nach Palästina, Südafrika, England und Amerika. Auch die beiden jüngeren Söhne meiner Großeltern, der eine Sohn war ledig und der andere jung verheiratet, konnten noch mit dem letzten Schiff (Scharnhorst), das Deutschland verließ, allerdings nach China, im Januar 1939 auswandern. Der älteste Sohn war durch seine Heirat mit einer „Arierin“ zu der Zeit noch geschützt. Er hatte zwar auch wie sein Vater im Ersten Weltkrieg gedient, das zählte aber nicht. Mein Großvater wurde in der Folgezeit auch von der SS abgeholt, doch meiner Großmutter ist es gelungen ihn wieder frei zu bekommen. Ich glaube, es hing mit dem „Aufstand der nicht jüdischen Ehefrauen in der Rosenstraße“ zusammen.
Ich kann mich an den Tag erinnern, als zwei Schwestern meines Großvaters zu uns kamen, um sich zu verabschieden. Sie hatten den Befehl zum Abtransport nach Theresienstadt erhalten. Sie saßen mit meiner Mutter bei uns am Fenster und ich spielte mit einem kleinen Auto auf dem Teppich zu ihren Füßen und erinnere mich noch genau an die hübschen Lackstiefelchen der Tanten. So etwas hatte ich bei Erwachsenen noch nie gesehen. Die Tanten wollten ihre Nähmaschine in die neue Heimat mit nehmen; als Schneiderinnen glaubten sie sich dort ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Wir haben nie mehr etwas von ihnen gehört.
Am 1.September 1939 wurde durch Hitlers Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg ausgelöst. Ich bin im Oktober drei Jahre geworden und durfte mit meinen Eltern zusammen die Möbel für mein Kinderzimmer aussuchen. Anschließend haben wir in einem Cafe leckeren Kuchen verspeist während ein Geiger und ein Pianist musizierten.
Zu der Zeit kam ich auch zu Tante Hilde vormittags in den Kindergarten. Nach dem ersten tränenreichen Tag hat es mir dort gut gefallen und ich hatte Freundinnen gefunden. Mit Lilly stehe ich noch heute in engem Kontakt, obwohl wir seit vielen Jahren in unterschiedlichen Gegenden leben. Ein Mal war ich mit Tante Hilde böse; denn sie sagte zu meinem bunt ausgemalten Bild:“Schwarze Tulpen gibt es nicht“, aber bei uns im Garten wuchsen dunkel-lila Tulpen und Tante Hilde hatte keinen lila Stift.
Im Sommer waren wir jedes Wochenende in unserem Garten in Birkenwerder und trafen uns dort mit den beiden Großeltern, Verwandten und Freunden. Opa Ernst hatte mir die Aufgabe gegeben, Raupen von den Kohlköpfen abzusammeln und ihm den gefüllten Buddeleimer zu geben. Viel lieber saß ich aber auf dem großen Walnussbaum vor der Laube,wo die Erwachsenen am Tisch saßen und sich unterhielten und man sie belauschen konnte. Manchmal ging mein Vater auch mit uns und unserem Boxer zur Havel zum Schwimmen. An einem Wochenende hab ich mit Opa Ernst in Birkenwerder übernachtet. Er rauchte seine Pfeife auf der Bank vor dem Haus und ich lag im Bett und malte mir aus, ich wäre Heidi und Opa der Almödi von Johanna Spyri. Meine Mutter hatte mir aus diesem Buch abends vorgelesen. Ja, meine Eltern lasen mir regelmäßig schöne Geschichten vor, so wie ich es später auch tat mit meinen Kindern. Meine Mutter hat sich auch oft ans Klavier gesetzt und hat mit mir Kinderlieder gesungen. Frühzeitig ist sie auch mit mir zum Turnunterricht gegangen, so, dass Sport für mich mein Leben lang zur Notwendigkeit wurde und noch immer ist.
Im Sommer 1941 sind meine Eltern mit mir nach Kärnten zu Familie Fritz gefahren auf deren Pferd ich reiten durfte. Wir haben täglich Blaubeeren gepflückt und Frau Fritz hat köstlichen Blaubeerstrudel gebacken. Schon früh am Morgen hörte man sie den großen Teigkloß auf den Tisch zu werfen, den sie immer wieder ausrollte. Leider gab es aber sehr oft Knödel, die ich gar nicht mochte, aber essen mußte. Ich versteckte mich unter dem Tisch oder anderswo, ich kniete und betete vor dem großen Kruzifix am Wegesrand, es half alles nichts, es gab Knödel.
1941 hat Japan Pearl Harbor überfallen, worauf die USA in den Krieg eingetreten sind und sich der Europäische Krieg als Weltkrieg ausgeweitet hat. 1942 gingen an allen Fronten die alliierten Armeen zur Offensive über und bald beherrschten sie den Luftraum über Europa.
Als Lilly und ich 1942 eingeschult wurden erfuhr ich mehr vom Krieg. Fräulein Filbrie, unsere kleine, weißhaarige Lehrerin erzählte uns, dass die Sängerin Lale Andersen jeden Abend bei Waffenruhe das Lied „Lilli Marleen“ für die Soldaten an der Front singt und die Soldaten alle zuhören und getröstet werden. Bevor Frl.Filbrie mit dem Unterricht begann, mussten wir aufstehen und auch dieses Lied singen.
1943 sind unsere Väter mit Lilly und mir für ein paar Tage ins Erzgebirge gefahren. Unsere Mütter wollten zu Hause bleiben, Lilly hatte gerade ein Brüderchen bekommen und mein Bruder wurde für demnächst erwartet.Mein Vater musste nun meine Zöpfe flechten. Er war viel zu vorsichtig und zog die dicken Zöpfe nicht fest genug, dass sie immer aufgingen und ich sehr liederlich aussah.
Im September wurde mein Bruder Detlef geboren. Den Namen durfte ich aussuchen und ich freute mich sehr über mein Brüderchen.
Inzwischen fielen die ersten Bombenteppiche auf deutsche Städte. Als die Bombenangriffe häufiger wurden, konnte der Schulunterricht nicht mehr regelmäßig stattfinden und Schulklassen wurden evakuiert. Wer die Möglichkeit hatte,bei Verwandten unterzukommen tat das natürlich. Da mein Vater als Prokurist in einer Textilfirma arbeitete, die Wehrmachtsuniformen herstellte, war er nicht eingezogen sondern „uk“ (unabkömmlich) gestellt. Die Firma hatte eine Zweitstelle in Posen errichtet und mein Vater pendelte zwischen Berlin und Posen hin und her. Dadurch hatte er für uns eine Wohnung in Schwerin/Warthe gefunden und auch für Lilly mit Mutter und Bruder und für die beste Freundin meiner Mutter mit Tochter. Dort konnten wir Kinder in die Schule gehen, es gab keine Bombenangriffe und wir sahen nur hoch am Himmel die Flugzeuge ganz winzig wenn sie nach Berlin flogen.
Für meine Großeltern war es sehr schwer gewesen, von uns Abschied zu nehmen. Sie hatten sich viel mit mir beschäftigt, wir hatten gesungen und getanzt und mein Opa hatte mir Couplets beigebracht, die er früher als Laienschauspieler im Rose Theater vorgetragen hatte. Zum letzten Mal spielte ich im Januar 1944 mit ihm Schule und gab ihm Hausaufgaben auf, die ich nach meiner Rückkehr aus Schwerin korrigieren wollte. Dazu kam es nicht mehr; denn Opa Max ist nach vier Wochen an Herzversagen zu Hause verstorben. Wir verlebten eine schöne Zeit in Schwerin, ich bekam ein Fahrrad und unsere Mütter unternahmen schöne Ausflüge mit uns und wir haben oft in der Warthe und der Obra gebadet. Im September 1944 holte mein Vater uns wieder nach Berlin. Er musste in ein Arbeitslager nach Jena, weil er mit meiner Mutter, einer Halbjüdin, verheiratet war.
Vorher hatte er mich aber noch in Birkenwerder, wo unser Grundstück war, in der Schule angemeldet, denn dort war regelmäßiger Unterricht möglich. Meine Mutter brachte mich im Dunkeln zur Schönhauser Allee und von da fuhr ich zum Gesundbrunnen und stieg um nach Oranienburg. Ja, ich schaffte es mit gerade 7 Jahren. Am ersten Schultag war eine Sonne groß an die Tafel gemalt und darüber stand: „Der Sonne Gesicht“, das wunderte mich; denn ich kannte nur: „Die Sonne“. Ich glaube, dass ich auch:“Das Gesicht der Sonne“ verstanden hätte. Als ich nach einigen Tagen wieder nach Berlin zurückfahren wollte, fuhr kein Zug mehr, die Strecke war bombardiert worden. Ich ging zur Polizei und bat, mit einem Krankenwagen oder der Feuerwehr nach Hause gebracht zu werden. Das ging natürlich nicht und ein Polizist begleitete mich zu unseren Nachbarn und regelte es, dass ich bei ihnen bleiben konnte. Da keiner von meiner Familie ein Telefon hatte, konnten wir auch keinen benachrichtigen. Mein Opa Ernst stand aber nachts bei den Nachbarn vor der Tür. Nachdem er mich schlafend gesehen hatte, lief und fuhr er wieder zurück. Nach drei Tagen voller Heimweh konnte ich nach Hause fahren und brauchte nur noch zum Appell in die Berliner Schule zu gehen. Bald war Weihnachten und am Heiligen Abend war mein Vater nicht bei uns. Doch als ich am 1.Feiertag ins Schlafzimmer kam, lag er abgemagert, aber lachend im Bett. Er hatte wohl zwei Tage frei bekommen.
Kurz vor Ende des Krieges war er endgültig zurück.
Die Bombenangriffe wurden immer heftiger. Fast jede Nacht mussten wir in den Keller. Sobald die Sirene heulte, sprang ich aus dem Bett und zog mir meine Kleidung über den Schlafanzug, dann eilten wir in den Keller. Alle Mieter hatten hatten dort ihre Stühle aufgestellt, Familie Hehde hatte einen Schaukelstuhl. Wir saßen mit Familie Fischer und ihrem Baby zusammen in einer Ecke. Als Frau Fischer noch schwanger war, hatte ich bei ihr auf dem Schoß gesessen, sie hatte gesagt, dass es sie beruhigen würde.
Am 16. April trat die Sowjetunion mit 2,5 Mio.Soldaten zur Schlacht um Berlin an. Das muss die Zeit gewesen sein, als mein Vater zurück kam aus Jena. Vielleicht ist das Arbeitslager aufgelöst worden. Als die Straßenkämpfe in Berlin begannen, wurden Lebensmittelgeschäfte geplündert. Auch mein Vater ist mit Leuten in eine benachbarte Fleischfabrik gegangen und kam mit langen Würsten nach Hause, die er in unserer Küche an die Mieter verteilt hat. Wasser musste auch an Pumpen geholt werden; dort lag dann tagelang eine erschossene Frau. Lilly`s Mutter ist ebenfalls beim Überqueren der Straße angeschossen worden, sie wurde in den Keller gebracht und ist verblutet. Lilly war 8 und Bernie 3 Jahre alt.
Im Keller waren Betten aufgestellt worden. Wir haben es aber dort nicht lange ausgehalten. Die kleinen Kinder weinten und die Erwachsenen waren nervös. Mit Familie Fischer und noch zwei Mädchen von 14 Jahren sind wir alle in unsere Wohnung (2.Etage ) gegangen. Ich habe eine tschechische Fahne (Herr Fischer war Tscheche) gemalt und einen Davidsstern und mein Vater hat beides an die Wohnungstür geklebt. Als später die Russen bei uns klingelten hatte das sicher geholfen, sie haben auch uns Kinder gesehen und haben unsere Wohnung nicht betreten.
Am 28. April hat Hitler testamentarisch Karl Dönitz und Goebbels zu seinen Nachfolgern eingesetzt und am 30. April hat er sich das Leben genommen. Am 1. Mai beging Goebbels Selbstmord und US-Verbände befreiten das Konzentrationslager Dachau. Am 7. Mai unterzeichnete eine deutsche Delegation in Reims die bedingungslose Kapitulation. Sie trat am 8.Mai 1945 in Kraft und der Zweite Weltkrieg war zu Ende.
Ein friedliches Neues Jahr wünscht Ihnen Hannelore Krause






