Erinnerungen 4
1967 wurde mein Mann nach Kiel versetzt. Im Dorf „Gut Oppendorf“, das zu Schönkirchen/Kiel gehört, hatte der Gutsherr die Alte Meierei umgebaut und wir bekamen ,die mittlere der drei großen Wohnungen. Unsere Nachbarn waren der neue Direktor vom Seefischmarkt mit Frau und ein Amerikaner, der für den Bau der Tanker verantwortlich war. Im Dorf wohnten noch ein Jurist mit Frau (Lehrerin), ein Tierarzt mit Familie und einem Pferd (auf dem wir alle reiten durften), Bauern mit ihren Tieren und Menschen, die in der Landwirtschaft tätig waren oder auf der Werft.
Wöchentlich hielten ein Lebensmittelauto vor unserer Tür, zwei Bäcker und der Fischverkäufer. Milch, Eier, Geflügel, Gemüse und Obst bekamen wir von den bäuerlichen Nachbarn. Die Menschen waren alle nett und hilfsbereit und wir fühlten uns dort wohl. Unsere Kinder hatten Spielkameraden gefunden und tobten mit ihnen durch die Natur. Sie hielten sich auch gern bei den Tieren im Stall auf und konnten dadurch manchmal Tiergeburten miterleben. Als sie Schulkinder wurden, brachte der Schulbus sie in die Schule nach Schönkirchen. Dort stand auch die schöne Feldsteinkirche, in der Konzerte gegeben wurden und unsere Kinder konfirmiert wurden. Eine Tochter hat dort auch geheiratet und 2 Enkel wurden dort getauft.
Auf einem bequemen Waldweg sind wir von Gut Oppendorf in 2o Minuten zu Fuß nach Schönkirchen gekommen, wo sich auch das Gemeindebüro, die Bank, Geschäfte, Ärzte , Apotheke, Sportverein usw. befanden. Unsere Kinder fuhren später mit dem Rad zum Kinderchor und Flötenunterricht der Organistin dort hin.
Damals waren die Winter kalt und schneereich, so, dass der Schulbus oft im Schnee stecken geblieben ist und die Kinder durch den Schnee nach Hause stapfen mussten. Doch die winterlichen Spaziergänge mit Schlitten oder Skiern waren herrlich! In der Nähe befanden sich große Badeseen und flache Karpfenteiche, aus denen wir die Silvesterkarpfen bekamen. Diese Seen waren alle zugefroren und wir sind auf ihnen Schlittschuh gelaufen. Ich erinnere mich an unser erstes Weihnachtsfest in Gut Oppendorf. Unsere Familien kamen damals vollzählig zu uns zu Besuch und ich war noch unerfahren darin so viel Gäste zu bewirten. Also hatte ich beim Bauern die größte Pute gekauft die er hatte. Sie wog 12kg und passte nicht in meinen Bratofen. Zum Glück war meine Mutter da, die mir half: Sie war nun dabei, der Pute die Flügel abzuschneiden und ich stand auf einem Hocker vor dem Schlafzimmerschrank und wollte die Geschenke holen, die versteckt auf dem Schrank lagen. Plötzlich schallte Wehgeschrei aus der Küche nach oben ins Zimmer, dass ich einen Schreck bekam, der Hocker kippte und ich am Schrank hing, ich sprang runter und fand meine Mutter halb jammernd, halb lachend. Sie hatte sich mit voller Kraft mit der Geflügelschere und ihrem Körper auf die Pute gedrückt, dass sie sich die Rippen gebrochen hatte. Unsere Ärztin, die gerade beim Nachbar war,hat sie sofort ärztlich versorgt.
Im Frühling, wenn die Rapsfelder blühten, waren wir mit den Rädern unterwegs.
Im Sommer war es am schönsten am Strand. Wir hatten inzwischen Freunde gefunden; sogar beim Zahnarztbesuch einen Berliner. Er war mit seiner Familie nach dem Mauerbau aus Ostberlin durch einen Tunnel geflohen. Mit ihnen und noch anderen Freunden hatten wir im Sommer immer zusammen unsere Strandkörbe am Strand.
1971 sind wir von Oppendorf nach Schönkirchen in unser eigenes Haus gezogen.
Wir hatten einen großen Garten mit vielen Blumen und haben dort glückliche Jahre verlebt.
1977 ist mein Mann nach Paris versetzt worden und das war für uns vier der Höhepunkt. Wir haben uns alle sehr auf den Frankreichaufenthalt gefreut.
Martin und ich hatten fünf Jahre schulfranzösisch hinter uns , Antje zwei Jahre und Petra musste mit Französisch beginnen.
Im Westen von Paris, ganz in der Nähe der Deutschen und Amerikanischen Schule in St.Cloud, hatten wir eine Wohnung in einer schönen Residenz gefunden. Mit dem Zug war Martin in 15 Minuten in La Defense, wo seine Geschäftsstelle in einem der vielen Türme war und 5 Minuten später waren wir in San Lazare bei den Großen Kaufhäusern mitten in Paris. Von hier aus konnten wir bequem mit dem Bus oder zu Fuß Paris erkunden. Das taten wir so oft wir konnten voller Freude.
Antje und Petra hatten sich in der Schule gut eingelebt und sie hatten Freunde gefunden, mit denen sie bald allein nach Paris fuhren. Innerhalb eines Jahres mussten sie täglich nach dem Unterricht das Französischpensum von zwei Jahren in Extra Kursen aufholen; denn hier war Französisch die 1. Fremdsprache. Sie schafften das gut; denn um sie herum wurde ja viel Französisch gesprochen, die Schule wurde auch von Franzosen besucht. Die IBM hatte für die Kinder der Mitarbeiter Feriencamps für getrennte Jahrgänge angeboten. Unsere Kinder haben jedes Jahr daran teilgenommen und hatten dadurch zu vielen Franzosen Kontakt. Wenn wir anschließend noch in Kiel den Sommer verbracht haben, durften sie auch Freunde mitnehmen. Meine Töchter haben noch heute Kontakt zu ihnen. Für die Mitarbeiter und deren Partner hat die IBM Sprachkurse angeboten. Mein Mann konnte aus Zeitgründen nur kurz daran teilnehmen. Dafür habe ich das Angebot mit Vergnügen genutzt. Die Sprachschule, die eine frühere Professorin der Sorbonne eröffnet hatte, befand sich fast neben der Deutschen Schule. Der Unterricht war gut und interessant. Der Schule angeschlossen war ein „Freundschaftskreis“, in dem sich Franzosen und Ausländer wöchentlich trafen. Man unterhielt sich und Vorträge, Kochkurse, Porzellanmalkurse, Ausflüge und Besichtigungen wurden angeboten. Ab und zu wurden abendliche Essen mit den Partnern organisiert. So sind Freundschaften entstanden. Wir hatten mit einem französischen Ehepaar Freundschaft geschlossen und uns oft noch in Deutschland oder an der Cote d`Azur getroffen; ich bin die letzte Überlebende.
Die IBM hatte auch zu Empfängen eingeladen, die dann in historischen Gebäuden stattfanden, z.B. in der Conciergerie (Palast des Haushofmeisters, der in der Revolution als Gefängnis gedient hatte).
Mit unseren Töchtern sind wir gern zusammen ins Kino, ins Theater, Oper ins Ballett gegangen. So haben wir auch damals Nurejew, den berühmten russischen Tänzer kennen gelernt. Wir haben aber auch versucht andere Gegenden in Frankreich kennen zu lernen. Als wir in den Osterferien in Isola 2OOO, oberhalb von Nizza, in den Seealpen zum Skilaufen waren, hatten wir uns noch ein paar Tage in St.Raphael am Mittelmeer aufgehalten und dann hatte sich mein Mann einen Lebenstraum erfüllt: eine kleine Wohnung am Meer. Wir haben alle diese Wohnung geliebt. Nachdem unsere Töchter ihr Studium beendet hatten (Antje hat englisch und französisch studiert und ist Lehrerin geworden, Petra ist Psychologin), haben sie geheiratet und sind mit unseren Schwiegersöhnen und vier Enkelkindern immer gern nach St.Raphael gefahren.
Als ich nach dem Tod meines Mannes das letzte Mal dort war, hatte mich meine Enkelin Sophie noch besucht und wir saßen in einem Restaurant am Meer. Am Nebentisch saß ein altes Ehepaar mit ihrer Tochter und Schwiegersohn, die uns beobachteten. Ich hörte wie der alte Herr zu den anderen sagte, dass wir Engländer seien. Ich drehte mich darauf zu den Leuten um, entschuldigte mich höflich und sagte, dass wir Deutsche sind. Der Herr sprang hoch, verbeugte sich und sang laut das Lied: Lilli Marleen, es war das Lied, das im Krieg abends bei Waffenruhe an der Front für die Soldaten übertragen worden war. Meiner Enkelin war das sehr peinlich.Ich fand es aber lustig und die anderen Gäste wohl auch, denn wir klatschten und lachten alle. Ich habe dann noch erzählt, dass ich zu der Zeit in der 1. Klasse war und unsere Lehrerin jeden Morgen mit uns Lilli Marleen von Lane Andersen singen mussten.
Bis 2014 habe ich noch in Kiel gelebt und den Französischunterricht, den ich schon viele Jahre gegeben hatte, fortgesetzt. Auch dadurch waren Freundschaften entstanden.Dann bin ich nach Berlin zurückgekehrt, wo eine meiner Töchter mit Familie und noch einige Schulfreundinnen wohnen. Ich habe auch hier wieder Fuß gefasst, habe neue Interessengebiete, nette Menschen, ja, auch Freunde gefunden.
Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Hannelore Krause






